Bei meinen Reisen nach Afrika habe ich zwei Armutsviertel besucht: Mathare in Nairobi und Walmer Township in Südafrika. Beide aus unterschiedlichen Anlässen, aber immer mit der Frage, ob ein Besuch im Township oder in einem Slum okay ist. Meine Gedanken dazu und meine Erfahrungen, kannst du hier nachlesen.
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In den letzten Jahren hat sich eine Art Slumtourismus entwickelt. Die einen befürworten ihn: Er schafft Arbeitsplätze, verbindet Kulturen und ist im besten Fall nachhaltig für die Community. Die anderen stehen ihm kritisch gegenüber: Sie sehen darin ein Herabblicken auf die Schwarzen, während sich die Weißen ihre Nasen voyeuristisch an den Fensterscheiben der Busse plattdrücken.
Vielleicht planst du eine Reise nach Südafrika oder Kenia und überlegst auch, ob du eine Slum- oder Township Tour machen sollst. Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Was sagen Menschen aus deinem Familien- und Freundeskreis? In diesem Blogbeitrag teile ich meine Erfahrungen mit dir. Auf meinen Reisen habe ich bisher zwei Armutsviertel besucht, beide sind mir eindrücklich in Erinnerung geblieben. Das lag vor allem an den hervorragenden Guides und daran, dass ich die Touren privat, also ohne Gruppe, mit ihnen unternommen habe.
Besucht man Südafrika, Kenia oder andere Länder dieser Erde, wird man ihnen früher oder später begegnen - sofern man einen ehrlichen Einblick in ein Land erhalten möchte: Slums, oder in Südafrika Townships genannt.
In Slums leben Menschen unter härtesten Bedingungen. Slums zeichnen sich aus durch ...
Der Zugang zu Bildung ist häufig erschwert, die Armut und Arbeitslosenquote sind besonders hoch und dadurch bedingt auch die Kriminalitätsrate. Laut einer Schätzung der Weltbank leben rund 1,2 Milliarden Menschen in Slums. Das ist etwa ein Achtel der heutigen Weltbevölkerung!
Die Lebensbedingungen in Slums und Townships sind häufig, aber nicht zwingend und in jedem Viertel, dieselben. Townships gibt es in Südafrika und haben einen traurigen historischen Hintergrund.
Townships waren eine direkte Folge der Apartheidspolitik, die Menschen mit anderer als weißer Hautfarbe systematisch ausschloss. Heute sind sie ein markantes Erbe dieser Zeit. Es fand über Jahrzehnte eine gesellschaftliche und politische Abwertung durch Weiße statt. Mit dem sogenannten Group Areas Act trennte die südafrikanische Regierung die verschiedenen ethnischen Gruppen (Weiße, Schwarze, Asiaten und Coloureds) und siedelte gewaltsam Schwarze, Asiaten und Coloureds um, damit in den Städten rein weiße Gebiete entstehen konnten.
Durch diese zutiefst rassistische und diskriminierende Handlung entstanden Townships um Großstädte wie Kapstadt, Johannesburg und Durban. Zu den bekanntesten in Südafrika gehören beispielsweise Langa und Soweto. Die Apartheidspolitik sah außerdem vor, dass Schwarze nur mit einer Aufenthaltsgenehmigung in weißen Wohngebieten arbeiten durften. Dies ist nur ein weiteres Beispiel von vielen systematischen Unterdrückungen. Dieses menschenverachtende System wurde von vier Millionen Weißen ausgelebt, bei einer nicht weißen Mehrheitsbevölkerung von 41 Millionen Menschen.
An dieser Frage scheiden sich die Geister. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, ob er es für sich vertreten kann, eine Slum- oder Township Tour zu buchen. Meiner Meinung nach kommt es darauf an, welches Motiv hinter deinem Besuch steht und wie eine Tour durchgeführt wird. Da ich selbst zwei mitmachte, bin ich durchaus eine Befürworterin.
Eine weitere Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist: Wie stehen die Bewohner der Slums zu den Touren? Sind Touristen überhaupt erwünscht? Es gibt eine interessante Studie aus dem Jahr 2015: “Armut und Tourismus in Windhoek. Eine empirische Studie zum Townshiptourismus in Namibia”. Diese Studie beschäftigt sich ab Kapitel 6 mit den Erwartungen der Bewohner. Wichtige Ergebnisse kurz zusammengefasst sind:
Insgesamt fällt die Meinung der Bevölkerung über den Township Tourismus zustimmend aus: Ganze
87 Prozent äußern sich positiv - das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen und Gesprächen, die ich in Südafrika und Kenia geführt habe.
Eine Township-Tour zeigt dir eine andere Lebenswelt, reelle Armut, die du vielleicht aus Nachrichten oder Dokus kennst. In Slums bzw. Townships leben echte Menschen, deswegen solltest du dich an ein paar Regeln halten.
Bevor ich Mathare in Nairobi besuchte, hatte ich Angst vor dem, was mich erwarten würde. Ich wusste, ich würde mich sehr weit aus meiner Komfortzone herausbewegen. Durch meinen Kopf geisterten Fragen wie: Wie verhalte ich mich? Muss ich Mitleid zeigen? Wie reagieren die Menschen auf eine Weiße? Denken sie, ich will gaffen? Werden sie mich nach Geld fragen? Wenn ja, wie reagiere ich? Wie gehe ich mit der Armut um? Wollen sie mich überhaupt da haben? Habe ich das Recht, mir Menschen in ihrer Armut anzusehen? Bin ich ein Voyeur, weil ich wissen möchte, wie das Leben in einem Slum ist? Weil ich mehr über Nairobi abseits der Touristenpfade erfahren möchte?
Andererseits wollte ich nicht nach Kenia reisen und nur Hochglanzbilder wie aus dem Katalog präsentiert bekommen. Ich wollte dieses Land authentisch kennenlernen. Alleine wäre ich nicht nach Mathare gefahren. Aber meine beiden Guides von Nai Nami haben mich begleitet, als wären wir Freunde. Und das hat meinen Besuch so leicht gemacht, dass alle meine Fragen und Ängste wie weggeblasen waren, wie du nachfolgend lesen kannst.
Das erste Mal herangetastet an das Thema Slum habe ich mich in Kenia. Eine Woche verbrachte ich in Nairobi und habe zunächst eine Tour mit ehemaligen Straßenkindern gebucht, die unter dem Namen Nai Nami bekannt ist. Das wollte ich unbedingt machen und habe mich während der Reiseplanungen am meisten drauf gefreut. Menschen im Auswärtigen Amt hätten wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, ebenso Freunde und Familie, denn mit der Tour geht es zwar nicht in die Slums, aber Downtown.
Weil ich mich so gut mit meinen zwei Guides verstanden habe und mehr über das Leben in Nairobi erfahren wollte, habe ich bei den beiden eine private Slumtour gebucht.
Mathare ist der zweitgrößte Slum in Nairobi. Schätzungen zufolge leben hier etwa eine halbe Millionen Menschen. Die Lebensbedingungen sind hart: In Hütten aus rostendem Wellblech, Pappkartons und in Holzverschlägen leben Menschen auf engstem Raum. Die Straßen sind nicht befestigt, es gibt keine Wasserleitungen, geschweige denn Abwasserleitungen und, wenn überhaupt, nur instabile Stromleitungen. Mord, Gewalt, Vergewaltigung, AIDS und andere Krankheiten und Hunger gehören zum Alltag.
Donga und Cheddaz holten mich ab. Ich sprach mein Unbehagen aus und fragte, wie ich mich verhalten sollte. “Ganz normal”, lautete die Antwort. Und ich glaube, das ist der Schlüssel. Die Menschen dort wollen kein Mitleid, sondern eine Begegnung auf Augenhöhe. In Mathare habe ich so viel Freundlichkeit, Herzlichkeit und Stolz auf die Herkunft erlebt, genauso wie ich es in Walmer Township in Südafrika erlebt habe.
Ja, als wir in Mathare hineingefahren sind,
war mein Unbehagen groß. Rechts und links reihen sich Wellblechhütten und Holzverschläge aneinander. Die Straßen sind mit Schlaglöchern übersät. Überall liegt Müll. Die Jungs wiesen mich auf betrunkene Männer vor den Hütten hin und erzählten mir von ihren Schicksälen. Ich fühlte mich wie im Zoo und sagte es auch, doch sie forderten mich auf, hinzusehen, denn das sei die Realität.
Meine Guides haben mir bei der Tour nicht nur die traurigen Seiten gezeigt, sondern mich am Leben teilnehmen lassen. Bei einem ersten Stopp hielten wir auf einer Anhöhe, wo ein paar Jungs ein DJ-Pult mit Boxen aufgebaut haben. Wahrscheinlich fanden sie es merkwürdig, dass da auf einmal eine weiße Frau stand, aber sie ließen mich gewähren. Einer der Anwohner kam, sprach mich an und brachte uns riesige, köstliche Portionen zu Essen. Wie freundlich kann man sein?
Anschließend gingen wir in eine kleine Kneipe, um Fußball zu gucken. Kenianer lieben Fußball! Ich hatte das Glück, das Spiel Chelsea gegen Manchester (oder Arsenal?) miterleben zu dürfen. Der kleine, fensterlose Raum bebte vor brüllenden, Testosteron versprühenden Fans. Ich saß mittendrin und wusste nicht wohin, denn auch meine Guides bildeten bei diesem Spiel zwei Lager.
Den Abend ließen wir gemütlich im Vineyard ausklingen. Eine Freundin meiner Guides begleitete uns, die bereits beim Fußballspiel dabei war. Schon den ganzen Tag hatte ich das Gefühl, mit Freunden in der Hood unterwegs zu sein und nicht im Slum. Immer mal wieder verfielen die drei in Swahili, sodass ich kein Wort verstand. Aber das störte mich nicht. Ich war müde und erschöpft. Aber glücklich und voller Eindrücke.
Meine Guides haben mir einen Ort gezeigt, der mir im Vorfeld viele Fragezeichen bereitet hatte. Vielleicht zu viele und einige sicher unbegründet. Die Menschen haben mich nicht verachtet. Sie waren stolz, herzlich und haben mir sogar Essen gebracht. Sie haben mich willkommen geheißen und es mir leicht gemacht. Das ging meiner Meinung nach nur, weil meine Guides mir eine echte Begegnung ermöglichten - und wir in dieser kleinen Gruppe unterwegs waren.
Ich wusste nicht, was mich in Mathare erwarten würde. Aber ich hätte bestimmt nicht damit gerechnet, dass es einer der intensivsten, nachdrücklichsten, spannendsten und teilweise gelassensten Tage werden würde, die ich erleben durfte. Es lag allein an den Menschen: an meinen Guides, an der Offenheit und Unvoreingenommenheit aller, die ich kennenlernen durfte. Ich durfte Nairobi abseits der Touristenpfade kennenlernen und diese Seite ging direkt in mein Herz.
Obwohl ich dauernd überfordert war und wahrscheinlich in zahlreiche Fettnäpfchen getreten bin. Aber ich habe gelernt: Eine Begegnung auf Augenhöhe ist alles.
Walmer Township gehört zu Gqeberha, ehemals Port Elizabeth. Das Township habe ich im Zuge eines Dokumentationsfilms besucht. Mehr dazu erfährst du in meinem Blogbeitrag Masifunde. Im Zuge dieser Reise war ich ohnehin regelmäßig im Township, doch für einen tieferen Einblick buchten mein Kollege und ich eine Tour bei einem Guide, der von der örtlichen NGO Masifunde unterstützt wird.
Wir waren mit unserem Guide und seinem Bruder unterwegs, die sich den ganzen Tag für uns Zeit nahmen, alle unsere Fragen beantworteten und uns verschiedene Orte zeigten, auch auf Wunsch.
Durch meine Erfahrungen in Kenia fühlte ich mich bereits vorbereitet und war unheimlich gespannt darauf, das Leben und die Menschen in Walmer Township kennenzulernen. Gleichzeitig fühlte ich mich als Weiße wieder etwas unbehaglich und wie ein Eindringling. Doch unser Guide Lloyd und sein Bruder
schafften es auf wunderbare Weise, uns willkommen zu heißen. Sie waren gleichzeitig Freunde, Guides und Beschützer. Wir lachten, waren ernst und gebrochenen Herzens. Ich habe die Jungs direkt in mein Herz geschlossen, genauso wie Donga und Cheddaz in Nairobi.
In Walmer Township gibt es formelle und informelle Siedlungen. Die formellen Siedlungen sind legal und haben bereits eine Stadtplanung durchlaufen. Hier stehen beispielsweise von der Regierung gebaute Steinhäuser, die auch an ein (Ab)Wassersystem angeschlossen sind. Die informellen Siedlungen sind illegal, aber geduldet. Die Regierung versucht, die informellen Siedlungen nach und nach zu formellen Siedlungen umzuformen und die Lebensbedingungen zu verbessern. Beispielsweise werden Steinhäuser gebaut und den Bewohnern kostenlos zur Verfügung gestellt. Es werden Wasser und Stromleitungen verlegt. Doch es geht nur langsam voran, denn Südafrika hat mit vielen Problemen zu kämpfen.
Besonders die informellen Siedlungen sind geprägt von Wellblechhütten und Holzverschlägen, die sich eng und windschief aneinanderreihen. Im Sommer sind sie zu heiß und im Winter zu kalt. Es gibt je nach Gegend Toilettenverschläge (Bucket Systems), die gemeinsam genutzt und zwei- bis dreimal pro Woche von der Stadt geleert werden. Fließend Wasser gibt es ebenfalls je nach Gegend an einem öffentlichen Wasserhahn. Das heißt, die Menschen im Township müssen sich morgens Wasser holen und es in die Hütten schleppen. Auch das Thema Strom ist ein Problem. Manche Haushalte haben gar keinen. Dann werden Oberleitungen angezapft und der Strom laienhaft ins Haus geholt. Es kommt vor, dass Kinder an Stromschlägen sterben.
Immer wieder entstehen Brände. Beispielsweise werden beim sogenannten Load Shedding (= geplante Stromabschaltung), unter dem ganz Südafrika derzeit mehrmals täglich leidet, im Township Lagerfeuer angezündet. Doch wenn diese durch Wind außer Kontrolle geraten, brennen die Holzverschläge nieder. Und Wasser ist, wie du gelesen hast, nicht überall direkt verfügbar.
Es gibt im Township
solche und solche Viertel. Neben informellen Siedlungen wie Airport Valley, in denen winzige, rostige, windschiefe Verschläge stehen, finden sich formelle Siedlungen, in denen sich gemütliche Steinhäuser mit Vorgärten aneinanderreihen.
Was mir an der Township Tour besonders gut gefallen hat, ist, dass ich einen Einblick in das Leben der Schwarzen von Schwarzen erhalten habe. Ich habe ihre Sichtweise kennengelernt und nicht nur darüber gesprochen. Völlig neu war mir beispielsweise, dass Nelson Mandela eher ein Held der Weißen ist. Geht es nach den Bewohnern von Walmer Township, ist Steve Biko der eigentliche Held.
Er war der wichtigste Vertreter der Bürgerrechtsbewegung "Black Consciousness" und setzte sich dafür ein, dass die Schwarzen ihre Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Weißen ablegten, sich ihrer selbst bewusst werden.
Steve Biko wurde im Zuge seiner Aktivitäten mehrmals verhaftet. Das letzte Mal im August 1977 im ehemaligen Port Elizabeth. Während seiner Haftzeit wurde er so schwer gefoltert, dass er starb. Es lohnt sich, sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen. Bis ich Südafrika besuchte, habe ich noch nie etwas von ihm gehört. In Walmer Township ist eine Straße nach ihm benannt.
Es mag komisch klingen, aber Lloyd und sein Bruder haben mir einen unvergesslichen Tag bereitet. Zum Abschluss sind sie mit meinem Kollegen und mir auf eine kleine Anhöhe im Township gefahren und haben uns eine wunderbare Aussicht gezeigt. Während ich das schreibe, frage ich mich, ob ich das genau so schreiben darf. Einen Tag im Township genießen? Dankbar für die Erfahrung sein? Mich sogar wohlgefühlt haben und traurig darüber sein, dass der Tag endete?
Ich habe schlimme Bilder vom Leben und Arbeiten auf einer Müllkippe gesehen, von der ich hier nicht berichtet habe. Ich durfte Lloyds Großeltern kennenlernen. Habe rostende Verschläge gesehen, die im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt sind, Orte ohne Wasser und Strom, wo der Müll durch die Straßen fliegt. Armut. Alkohol. Aber auch: Menschen mit Stolz. Lachende Kinder ohne Scheu. Herzlichkeit. Unvoreingenommenheit.
Südafrika ist ein Land der Kontraste: Atemberaubend und wunderschön auf der einen Seite. Belastet mit Problemen und fast immer unter den „Top Ten“ der Länder mit den höchsten Mordraten auf der anderen Seite. Wie ich es bereits in meinem Beitrag über
Masifunde geschrieben habe, ist die Apartheid zwar politisch beendet, aber es bestehen in sehr großen Teilen noch
gravierende Unterschiede zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung. Ich möchte offen bleiben und tiefer eintauchen in die Geschichte des Landes und die Geschichten der Menschen. Sie trotzen Armut, Herausforderungen, schwierigen Lebensumständen. Bei meinem Besuch hießen sie mich willkommen und ertrugen meine Unzulänglichkeiten und Fettnäpfchen. Sie sind und machen Südafrika wunderschön. Und das ist mein Fazit.
Über mich
Hey, ich bin Katrin, schön, dass du auf meinem kleinen Reiseblog gelandet bist. Ich bin leidenschaftlich gerne unterwegs, liebe es, neue Menschen und Orte kennenzulernen und immer wieder ein bisschen mehr von mir selbst. Der Blog richtet sich an alle, die gerne alleine reisen oder es einfach mal ausprobieren wollen. Ich wünsche dir viel Spaß beim Stöbern.
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