Anfang dieses Jahres habe ich mit einem Kollegen die NGO Masifunde in Südafrika besucht, über die er einen Dokumentarfilm dreht. Wie Masifunde Bildung im Township vermittelt, wie ich die Zeit dort erlebt habe und warum solche NGOs wichtig sind, erfährst du in diesem Blogbeitrag.
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Dieser Blogbeitrag ist kein typischer Reisebericht mit Tipps und Erfahrungen, wie du ihn sonst von mir kennst. In diesem Beitrag berichte ich dir von meiner jüngsten Reise im Februar 2024 nach Gqeberha (ehemals Port Elizabeth), Südafrika. Der Grund dieser Reise war dieses Mal beruflicher Natur. Ein Bekannter von mir, der Kameramann ist, erfüllt sich gerade einen großen Wunsch und arbeitet an seinem ersten eigenen Dokumentarfilm. Thema: die NGO Masifunde.
Er fragte mich, ob ich ihn bei dem Dreh
redaktionell sowie vor Ort unterstützen würde. Ein spannendes Projekt in Südafrika kennenlernen? Einen persönlichen Traum erfüllen? Einer sinnvollen Arbeit nachgehen? Das erste Mal nach Südafrika fliegen und die Flugzeuge nicht mehr nur sehnsüchtig auf flightradar24 verfolgen? Dem deutschen Winter entkommen? Ich musste nicht allzu lange über meine Antwort nachdenken.
Masifunde (auf Deutsch: Lasst uns lernen) ist eine NGO in Südafrika, die ein ganzheitliches und nachhaltiges Bildungsangebot in Walmer Township für Kinder, Schüler/innen und junge Arbeitslose anbietet, die in armen Verhältnissen leben und häufig nur einen eingeschränkten Zugang zur Bildung oder zum Arbeitsmarkt haben. Masifunde ist jedoch keine Schule, sondern bietet Bildungsprogramme, pädagogische Unterstützung sowie soziale Begleitung (außerhalb der Schulzeit) an.
Das Angebot von Masifunde richtet sich an unterschiedliche Ziel- und Altersgruppen und wird hauptsächlich in zwei Zentren im Township vermittelt: zum einen im Zentrum für arbeitslose Jugendliche mit dem sogenannten Inkubator für junge Unternehmer/innen. Zum anderen in der Changemaker Academy mit dem MyMito. Das MyMito ist die Cafeteria direkt im Eingangsbereich und ist ein Ort der Begegnung mit köstlichem Kaffee und Essen.
Über diese Angebote hinaus gibt es Lernhilfen, Computerkurse, Elternprogramme, Unterstützung der Suppenküchen im Township sowie eigene kleine
Subunternehmen im Masifunde-Universum, in denen
rund 50 Azubis aus dem Township ausgebildet werden und so eine berufliche Perspektive erhalten. Die Cafeteria MyMito ist übrigens eins davon. Wenn du mehr über
Masifunde erfahren möchtest, schau dich am besten auf deren Website um. Auch bei Facebook und Instagram findest du Informationen.
Was ist gesunde Ernährung? Welche Lebensmittel gehören dazu? Dieses Wissen wird hier vermittelt.
Kunstunterricht bei Masifunde. Die Schüler haben u.a. die Möglichkeit ...
... in Walmer Township Fassaden mit Township-Helden zu veredeln. Hier zu sehen ist Joliza BhacaSoul.
Hier entsteht das nächste Kunstwerk. Zukünftig sind hier Nomnikelo Nicky Veto & Azola Matrose zu sehen.
Die Bildungszentren von Masifunde befinden sich in Walmer Township, Gqeberha, Südafrika. Gqeberha sagt dir nichts? Vielleicht ist dir die Stadt unter dem Namen Port Elizabeth (kurz: PE) bekannt, die an der Südküste von Südafrika liegt. Der Name wurde vor einiger Zeit geändert.
Das Township befindet sich im Stadtteil Walmer. Das Besondere an Walmer ist, dass es neben dem Township noch eine wohlhabende Seite gibt. Beide Viertel, also arm und wohlhabend,
grenzen direkt aneinander und sind nur durch eine Hauptstraße voneinander getrennt.
Dass hier
zwei Welten aufeinanderprallen, geht auf die Apartheid zurück. Während in anderen Orten Südafrikas die schwarze Bevölkerung aus den Städten vertrieben wurde und Townships vor den Städten entstanden, widersetzten sich die Menschen in Walmer der gewaltsamen Umsiedlung.
Nach der Apartheid wurde das Township insofern interessant, da die Lage gut war: Das Township grenzt direkt an den Flughafen - wenngleich dies einen ungeheuren Lärm bedeutet - und dieser bietet potenzielle Arbeitsplätze in direkter Nähe. Gleiches gilt für das wohlhabende Viertel, das ebenfalls nur einen Katzensprung entfernt ist.
Mein Kollege und ich haben im wohlhabenden Viertel gewohnt. Wir waren im sogenannten V-House (Volunteers-House) untergebracht, wo derzeit auch vier junge Leute von Weltwärts wohnen, die einen Freiwilligendienst bei Masifunde absolvieren. Die Lage beider Viertel zueinander hat zur Folge, dass sich die Häuser im wohlhabenden Viertel hinter hohen Mauern verschanzen und Einbrüche und Überfälle zur Realität dazugehören. Aus diesem Grund sollten wir uns an bestimmte
Sicherheitsregeln
halten, wie du weiter unten sehen wirst.
Bei Masifunde steht jedes Kind, jeder Teenager, jeder junge Erwachsene als Individuum im Mittelpunkt. Jeder erhält eine Chance und die Programme sind auf langfristigen Erfolg ausgelegt.
Ein Beispiel: Für arbeitslose Jugendliche gibt es den Workshop “Get in it”. Dieser wird einmal im Monat angeboten und dauert eine Woche. Der Workshop ist für die Jugendlichen der Startpunkt, wenn sie zu Masifunde kommen. Hier beschäftigen sie sich in Kleingruppen mit ihren Talenten und Potenzialen, immer mit der fachkundigen Unterstützung von Sozialarbeiter/innen. Statt ein Universalprogramm für alle Jugendlichen abzuspulen, wird individuell nach dem besten Weg für jeden einzelnen gesucht. Der eine kann das Abi nachholen, der andere beginnt eine Ausbildung beispielsweise im MyMito, der dritte kann in einen Job vermittelt werden.
Zum holistischen Konzept gehört auch eine Nachbetreuung. Die Sozialarbeiter/innen stehen den Jugendlichen zur Seite und motivieren sie, auch wenn es schwierig wird. Schließlich ist es nicht immer einfach, von einer Perspektivlosigkeit in einen Job mit Verbindlichkeiten zu wechseln. Das Mindset braucht Zeit zum Mitkommen und Wachsen.
Erfolgsgeschichten durften wir persönlich miterleben: Ein Auszubildender bei Masifunde hat seine Ausbildung abgebrochen, weil er einen der begehrten Studienplätze für IT in Kapstadt erhalten hat. Den Stolz und die Freude seiner Ausbilderin zu sehen und genauso seine, die hinter Schüchternheit verborgen waren, hat mich sehr berührt. Ich wünsche ihm so viel Erfolg für sein Studium!
All das zu erleben war für mich ein Aha-Effekt. Ich habe 39 Jahre gebraucht, um nicht nur in der Theorie zu verstehen, dass solche langfristig angelegten Bildungsprojekte aller NGOs eine Investition in die Zukunft und in die Menschen sind. Ich habe einige Azubis und Programmteilnehmer bei Masifunde kennenlernen dürfen und abgesehen von der Begeisterung vereinte sie noch eines: Stolz. Stolz auf ihr Können, Stolz auf ihre Aufgabe.
Im Township ist Masifunde eine Art Safe Space für die Community. Auch ich erlebe diesen Ort, ja sogar die Gegend um das MyMito, als sicher. Doch das ist ein Trugschluss. Meinem Kollegen und mir wurde regelmäßig eingeimpft, wann wir wie zu Fuß unterwegs sein dürfen. Sicherheit steht an oberster Stelle. Die Mitarbeitenden kümmern sich umeinander und um uns. Bevor man ein kurzes Stück nach Hause läuft, wird man eben schnell gefahren. Dennoch tut sich mein Kopf schwer, die potenzielle Gefahr zu realisieren: Alle sind so nett. Und ich möchte grundsätzlich niemanden unter Generalverdacht stellen. Doch Jonas Schumacher, Gründer von Masifunde, erzählt meinem Kollegen und mir zu Beginn zwei Dinge:
Der Gangsterboss der alten Gang in Walmer Township kam einst ins Gefängnis. Daraufhin haben sich ein paar junge Männer bewaffnet, um die noch bestehende Gang auszuschalten. Mit Erfolg. Es entstand eine neue Gang, die alle ausschalteten, die etwas mit der alten Gang zu tun hatten. Jonas schildert uns, wie das stattgefunden haben muss. Wie in einem Krimi wurde den Gefangenen Kabelbinder um die Handgelenke geschnürt und dann eine Kugel durch den Kopf gejagt. Er zeigt uns einen Ort, wo Menschen exekutiert wurden: Nur wenige Meter vom MyMito entfernt. Wir - bzw. Masifunde - befinden uns also im absoluten Crime-Hot-Spot mit einer sehr hohen Mord- und generellen Kriminalitätsrate.
Gleichzeitig wurde noch nie ins MyMito bzw. Bildungszentrum, das seit 2017 besteht, eingebrochen, es gab keinen Einbruchsversuch, noch wurde randaliert. Dafür gäbe es zwei Gründe, so Jonas. So viele Schüler/innen und junge Menschen erhalten hier eine Chance, wenn sie am Programm von Masifunde teilnehmen. Nicht jeder erhalte im Anschluss einen Job, aber jeder werde mit Respekt behandelt. Sicher sitze im Programm auch der ein oder andere Kleinkriminelle, der seine Chance nutze.
Den zweiten Grund sehe Jonas darin, dass das Center von der Community gebaut wurde und nicht von einem Bauunternehmen. Das heißt, die Menschen im Township, bzw. in der näheren Umgebung, haben eine persönliche Verbindung zum Bildungszentrum und die meisten haben in irgendeiner Weise schon einmal davon profitiert.
Wie die Community das zu schätzen wisse, habe sich zudem ganz praktisch während Corona gezeigt, erzählt Jonas weiter. Während des Lockdowns wurden die Gebäude anderer NGOs und sogar das der Polizei komplett abgetragen: Fenster, Türen, Wellblech, Gitter: Alles, was man irgendwie gebrauchen kann, wurde entfernt. Masifunde jedoch wurde nicht angefasst, obwohl das Gebäude eine Menge Wertgegenstände enthalte.
Die Zeit bei Masifunde empfand ich als intensiv, lehrreich, neu und gleichzeitig irgendwie vertraut. Ich habe eine Seite von Südafrika kennengelernt, von der ich zwar gehört habe, in meinem Kopf waren jedoch hauptsächlich die schönen Hochglanzbilder verankert. Die Reise- und Sicherheitshinweise vom Auswärtigen Amt lasen sich während meiner Vorbereitung wie ein Krimi im Vergleich zu einigen Blogbeiträgen, die mir so sorglos erschienen. Aber gehen wir mal der Reihe nach.
Wie in Deutschland gibt es auch in Südafrika über jede Stadt bestimmte Klischees. Über Gqeberha sagt man, dass sie die windigste und freundlichste Stadt in Südafrika sei. Windig war es wirklich. Ob sie die freundlichste ist? Was ich nach fast drei Wochen bei Masifunde sagen kann:
Ich habe sehr herzliche und hilfsbereite Mitarbeitende kennengelernt, die ihre Arbeit lieben. Ich sah Leidenschaft, große Begeisterung und Stolz, ein Teil von Masifunde sein zu können. Das gilt für die Sozialarbeiter/innen wie für die Menschen, die unterrichten, als auch für die Angestellten im Office und in der Buchhaltung, aber genauso für die Fahrer.
Bei Masifunde kümmert man sich umeinander. Es findet ein Miteinander statt, kein Gegeneinander. Hier ist ein Safe Space für Schüler/innen und Jugendliche, die sich entfalten und ausprobieren dürfen. Ein Ort für Unternehmer/innen, die ihr Business vorantreiben wollen und sich gegenseitig unterstützen und austauschen möchten. Der Gründer hat mit Masifunde ein Herzensprojekt auf die Beine gestellt, das über die Jahre immer größer geworden ist.
Auch außerhalb von Masifunde waren die Menschen - ganz wie man über Gqeberha sagt - außergewöhnlich freundlich und hilfsbereit. Mir öffnet das mein Herz. Kurz bevor es zurück nach Deutschland ging, habe ich einen Freund in Kapstadt besucht, der schönsten Stadt der Welt, wie einige sagen. Doch für mich fühlte sich der Rückflug nach Gqeberha wie nach Hause kommen an.
Walmer Township ist nicht das erste Armenviertel, das ich besuche. Bereits in Nairobi, Kenia, habe ich mit zwei Guides einen Tag im Slum verbracht. Aber Kenia ist nicht Südafrika und die Townships haben einen anderen geschichtlichen Hintergrund als die Slums in Kenia. Doch die Erfahrungen in Kenia haben zumindest bewirkt, dass mein Unbehagen in Walmer Township nicht so groß war wie bei meinem ersten Besuch in Nairobi.
Mehr Informationen zu Thema Township- und Slumtouren habe ich dir in im Artikel "Township Tour: Ja oder nein?" zusammengestellt.
Aus Gründen, die ich nicht erklären kann, habe ich mich im Township angekommen gefühlt. Vielleicht lag das Wohlfühlen an den freundlichen Menschen. Vielleicht lag es daran, dass ich den Eindruck hatte, dass man auf mich aufpasst. Vielleicht lag es daran, dass ich das Gefühl hatte, einen kleinen authentischen Einblick ganz im Süden Südafrikas zu bekommen und nicht als Touri abgestempelt zu werden.
Dass wir uns aus Sicherheitsgründen nicht komplett frei bewegen konnten, war für mich, die sonst gerne frei und alleine reist, ungewohnt, aber okay. Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen, in dem ein ITler über seine Erfahrungen bei einer NGO in der Demokratischen Republik Kongo berichtet. Dort musste er sogar dann einen Fahrer bestellen, wenn er nur 100 Meter zurücklegen wollte, weil die Sicherheitslage so angespannt war. Das kann ich keinesfalls vergleichen, doch durch das Buch fühlte ich mich zumindest keiner unbekannten Situation ausgesetzt.
Angst hatte ich keine, auch wenn mir sehr wohl bewusst war, dass ich gerade als weiße Frau auffalle. Es gibt keine Garantie, dass ich nicht überfallen und/oder vergewaltigt werde. Umso dankbarer bin ich, dass unsere Gastgeber so gut auf uns aufgepasst haben.
Die Apartheid wurde 1994 in Südafrika politisch beendet. Ich schreibe bewusst “politisch”, denn während ich in Gqeberha war, konnte ich deutlich sehen, dass die Nachwehen dieser Schreckenszeit noch sehr präsent sind. Letztendlich sind die Townships in ganz Südafrika lebendige Zeitzeugen. Wurden während der Apartheid die Schwarzen dorthin ausgesiedelt, lösten sich die Townships nach dem Ende nicht einfach in Luft auf.
Auch wenn es die Apartheid als solche nicht mehr gibt, so besteht aufgrund der Historie zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung nach wie vor gravierende Ungleichheit. Viele Schwarze leben in Townships, haben eine schlechtere Bildung und somit schlechtere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Das wiederum führt zu einem niedrigen Lebensstandard.
Ich bin seit zwei Wochen zurück in Deutschland, hänge aber gedanklich noch viel in Südafrika und diesem Thema, lese viel und versuche zu begreifen. Ich war noch nie in Südafrika, so war die Apartheid für mich bisher eine vergangene Episode. In meinem Kopf war das Land die viel propagierte Regenbogennation mit tollen Reiseberichten. Doch ich bin dankbar für all die Einblicke, die ich erhalten habe, für die Gespräche, die ich führen durfte. Ehrlicher und authentischer hätte ich Masifunde, Walmer Township und Gqeberha nicht kennenlernen können.
Über mich
Hey, ich bin Katrin, schön, dass du auf meinem kleinen Reiseblog gelandet bist. Ich bin leidenschaftlich gerne unterwegs, liebe es, neue Menschen und Orte kennenzulernen und immer wieder ein bisschen mehr von mir selbst. Der Blog richtet sich an alle, die gerne alleine reisen oder es einfach mal ausprobieren wollen. Ich wünsche dir viel Spaß beim Stöbern.
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